Ellen von Unwerth in der CWC Gallery

Ellen von Unwerth präsentiert in der CWC Gallery

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Einleitend muss festgestellt werden, dass man von dieser Ausstellung keine ’große Kunst’ erwarten sollte. Doch es muss ja auch nicht immer gleich Kunst sein. Dafür werden jedoch schöne Bilder geboten, die, passend zur kühlen Jahreszeit, warme Fantasien anregen. So jedenfalls das in Aussicht gestellte Versprechen der schier omnimedialen Berichterstattung zu dieser Ausstellung, der man sich von Brigitte über SUPERillu und Gala bis Bild kaum entziehen konnte.

Doch worum geht es dabei überhaupt?

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Eines dieser sagenumwobenen russischen Milliardärspärchen, in diesem Falle die Rodionovs, lebt seinen Faible, dass Er gerne erotisch inszenierte Fotos von Ihr sieht, offen aus. Da besagte Bilder, oder zumindest ein Teil davon, immer mal wieder veröffentlicht werden, darf man zudem davon ausgehen, dass es ihm gefällt, begehrliche Blicke Dritter auf seiner Frau zu spüren. Sie wiederum scheint eine Freude daran zu haben, sich zu exhibitionieren. So weit, so gut, beide scheinen sich gesucht und gefunden zu haben.
Dass sich dieses vom Schicksal so reich beschenkte Pärchen nun nicht wie Otto Normalverbraucher, die vergleichbare Vorlieben hegen, in die Untiefen des Internet stürzt, um dort nach möglichen Fotografen für erotische Fotoshootings zu suchen, mag für einige betrüblich sein. Doch, es ist durchaus nachvollziehbar:
Bei allen Verpflichtungen, die das Milliardärsleben so mit sich bringt, fehlt vermutlich die Muße für langwierige Recherche: Statt dessen wird kurzerhand im aktuellen Who-is-Who-Katalog der Fotoszene nachgeblättert, um sich einen entsprechenden Fotografen zu bestellen.
Et Voilá, nach so klangvollen Namen wie Helmut Newton, Peter Lindbergh, Terry Richardson und Bettina Rheims hat nun also Ellen von Unwerth den im wahrsten Sinne des Wortes reizvollen Auftrag erhalten, Madame Rodionov fotografisch abzulichten. Letztere heißt übrigens mit Vornamen Olga. Und so nennt sich auch die Geschichte, um die herum Ellen von Unwerth ihre lasziven Fotos inszeniert “The Story of Olga“.

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Auf besagte Story will ich hier nicht näher eingehen, denn angesichts der wahren Begebenheiten ist sie in etwa so spannend, wie die Mitte des Jahres publik gewordene Hausfrauenschmunzette “Shades of Grey“, oder, vielleicht noch etwas bekannter, “der Tochter der Wanderhure ihre Schwester“. Also lassen wir das, und kommen zu den Fotos:

Passend zur Vergangenheit der beiden Damen, der Milliardärsgattin wie der Fotografin, die beide einmal als Model jobbten, erscheinen auch die nun präsentierten Fotoarbeiten, zumindest in ihrer digitalen Form, von einer durch und durch unterkühlten Stimmung geprägt. Sie sind absolut inszeniert, niemals zu direkt, keinesfalls vulgär. Die gezeigten Körper entsprechen allesamt Idealbildern. Fett und Falten sucht man vergebens. Fast möchte man meinen, die hier in Szene gesetzte Fleischeslust wäre blutarm, so distanziert wirken manche Aufnahmen. Und genau darin liegt auch ihr Reiz. Denn gerade dadurch wird eine Distanz zum Sujet erzeugt, die es den Arbeiten erlaubt, als quasi neutrale Projektionsfläche für persönliche laszive Fantasien von Fashion bis Fetisch zu fungieren. Sicher, im Vergleich zu den vorangegangenen Arbeiten von Bettina Rheims geht es hier geradezu verklemmt zur Sache,- da dienen übergroße Champagnerflaschen als Platzhalter für überbordende Manneskraft und statt am feuchten Schoß der Madame wird lieber an einem Obstsalat mit Sahne geschleckt. Doch dafür wird der Fantasie freien Lauf gelassen. Die Bild-Zeitung titelt gar von ’Berlins schärfster Ausstellung’.

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Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer begraben: Die Geschichte des Models, dass sich einen russischen Milliardär angelt, der sie gerne nackig fotografieren lässt ist scharf. Die Auswahl der dazu bisher beauftragten Fotografen ist sogar megascharf und ja, die vorliegenden Fotoarbeiten von Ellen von Unwerth sind es immerhin ein bisschen. Doch die Ausstellung ist es leider nicht.

Zwar eignen sich die Fotos, was die überschwängliche Presse erklären dürfte, hervorragend als pikante Hingucker, doch die reale Präsentation der Arbeiten kann die dadurch geweckte Erwartungshaltung nicht einlösen. In punkto Präsentsation vergebe ich auf einer Skala von 1-10 Punkten schlappe 4 Punkte. Hier wäre wirklich mehr drin gewesen.
Ich hätte mir z.Bsp. großformatige Baryt-Abzüge gewünscht. Statt dessen bekommen die Ausdrucke der Fotos auf matten Papier eine Wärme, die sich quasi diametral zur vorher als positiv ausgemachten ’Unterkühltheit’ der Arbeiten verhält. Fast bekommt man den Eindruck, die Künstlerin hätte es mit der Angst zu tun bekommen und versuche so, ihren Bildern wieder etwas Leben einzuhauchen. Doch der Plan geht nicht auf. Und gerade dort, wo in den Vergrößerungen das Ausbrechen der Lichter und das wahlweise Ausreißen oder Absaufen der Farben besonders offensichtlich ist, erinnern die Bilder durch die vom Papier vorgegebenen weichen Verläufe fast schon an einen Brückenschlag zur Malerei. Sicher, auch das hat seinen Reiz. Doch es ist halt ein anderer, als der in Aussicht gestellte.
Die Hängung wirkt uninspiriert. Von einer Installation der Arbeiten in den Raum, wie man sie z.Bsp. bei den großen Ausstellungen Wolfgang Tillmans erleben durfte, ist Ellen von Unwerth Lichtjahre entfernt. Die Auswahl der Formate, schwankend zwischen einigen Großformaten und mehreren Kleinformaten, wenige hinter Glas, die meisten schlicht auf Alu-Dibond kaschiert und im Rahmen mit schmaler Schattenfuge präsentiert, wirkt ebenso unentschlossen, wie die Zusammenstellung von wenigen farbigen und vielen schwarz-weiß Prints. Die für gewöhnlich durch Kleinformate provozierte Intimität will sich bei bestem Willen nicht einstellen.

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Für Fotofreundinnen und Freunde mitunter interessante Angaben darüber, mit welcher Kamera, ob digital oder analog, die Aufnahmen entstanden und auf welchem Papier gedruckt wurde, sucht man leider vergebens. Das alles vermittelt den Eindruck, als stünde die Fotografie hier eher im Hintergrund.

Und trotzdem ist die Ausstellung einen Besuch wert. Das vor allem aus 3 Gründen:

1.: Die Projekt des lüsternen Milliardärs-Paares, ist wahrlich aufklärerisch. Denn es zeigt, dass erotische Fantasien unabhängig vom Inhalt der Gelbörse quer durch sämtliche Gesellschaftsschichten funktionieren. 2.: Der Besuch der Ausstellung ist kostenfrei. Und, last but not least 3.: Im Rahmen der Ausstellung liegt der in Übergröße produzierte, 350-seitige Taschen-Bildband zur “Story of Olga“ zum durchblättern aus. Da das gute Stück ein Format von 33 x 43,6 cm und ein entsprechendes Gewicht hat, passt es sicherlich nicht in jedes Bücherregal. Und selbst wenn, so möchte man vor Erwerb eines Exemplars der limitierten, nummerierten und signierten Auflage von nur 1.000 Exemplaren zum Stückpreis von jeweils 500,- Euro, vielleicht wenigstens mal vorher reingeschaut haben. Bitte: Hier ist dazu die passende Möglichkeit.

Fazit:
Das lüsterne Fotoprojekt der Rodionovs kann man durchaus als inspirierend empfinden. Die Bilder wirken jedoch im Katalog, der offiziell als ’Fotoroman’ angepriesen wird, besser als in der Ausstellung.

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So weit also zu meiner im Grunde unmaßgeblichen Meinung. Ich wünsche in jedem Fall viel Spaß beim Besuch der Ausstellung. Und, im Falle möglicher Rückmeldungen und/oder gar Widersprüche zur obrigen Besprechung: Immer her damit!
[Ed.]

Ellen von Unwerth
»The Story of Olga«
bis 16. Februar 2013

CWC Gallery
in Räumen der Ehemaligen Jüdischen Mädchenschule
Auguststraße 11–13
10117 Berlin
http://www.camerawork.de/
Die CWC GALLERY ist vom 23.12.2012 bis 01.01.2013 geschlossen.

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Hier noch der link zum Taschen-Verlag: “The Story of Olga”